Musiktheater im Revier Spielzeit 2004/05
Regie _ Andreas Baesler
Bühne _ Verena Hemmerlein
Kostüme _ Andreas Meyer, Wolfgang Scharfenberger
Fotos _ R. Majer-Finkes, Verena Hemmerlein









Belcantissimo – Mozart lebt
„Kann denn Liebe Sünde sein….“ (Zarah Leander)
Von Peter Bilsing / Fotos von Rudolf Majer-Finkes
Um es gleich vorwegzunehmen: Zu berichten ist von einer rundum gelungenen Mozart-Produktion. Es war einer jener seltenen Abende, an dem alles zufrieden stimmte.
Während der Ouvertüre, bei sich öffnendem Vorhang, erleben wir unsere Paare beim Soft-Tennis Idyll – später werden die Bälle härter, und die Treffer schmerzen. Der sich kurz einstellende Déjà-Vue-Effekt des weißen Freizeitambientes (diesmal überdacht im großzügigen Marmorboudoir) ist hier nicht nur sinnleerer Bühnengag, sondern Basis für eine fein ausziselierte Bewegungs-Choreographie, die sich großartig an der musikalischen Linie des Mozart Meisterwerkes orientiert – eine optische Kongruenz von Bühne (Verena Hemmerlein), Aktion und Musik, wie ich sie selten erlebt habe.
Die Personenführung ist klug und durchdacht bis ins Kleinste. Da stimmt jeder Schritt, jeder Schlag und jedwede Mimik und Gestik – kein überflüssiger Schnickschnack, keine szenischen Leerläufe – und auch die Doppelbödigkeit der Musik wird stets charmant konterkariert oder auch tiefsinnig ausgelotet – keine billige Aktualisierung. Die Bilder des „gemischten Doppels“, wie es in der Sportfachsprache heißt, werden als gelungener „roter Faden“ superb weitergesponnen. Eine Inszenierung, welche die geradezu wunderbare „Leichtigkeit des Seins“ auszeichnet; (…)
Alles wirkt glaubwürdig; auch die zeitliche Verlegung in den Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Maske leistet großartige Arbeit. Endlich einmal keine karnevalistische Dümmlingsverkleidung mit Sonnenbrillen oder Pappnase, sondern die Veränderung vom tennisspielend, modebewussten Dandy (wohl eher Offiziere der nationalen Adels-Reserve) zum clochardartig aufgemachten Bohemien. Dies wirkt so überzeugend, als hätte man Guglielmo und Ferrando frisch aus dem Quartier Latin eingeflogen. Regisseur Baesler läßt keine Wertediskussion aufkommen. Auch wenn es – anfangs ja durchaus ernst gemeint – um Treue, Ehrlichkeit, Herz, Schmerz & Tod geht. Es halten sich Leichtsinn, Tiefsinn und Frohsinn beglückend die Waage.
Seine überall und jederzeit charmante Inszenierung zeigt uns jenes „cosi fan tutte“ eben nicht als nur „Schule der Liebenden“ in der herzig historischen Da-Ponte-Parabel des „Es war einmal“-Erzählens, sondern ihn interessiert auch die Würde der Personen, wenn aus dem Kinderspiel Ernst wird. Gerade dieser ewig-zwischenmenschliche Aspekt ist es ja, der uns das Stück bis heute so brennend aktuell erleben läßt. Baesler ist modern – auch noch im historischen Gewand.
(…)
Wenn auch der musikalische Teil, rundherum ohne Fehl und Tadel, alle Erwartungen mehr als erfüllt, dann darf von einem großen Theaterabend gesprochen werden. Elementar dazu beigetragen hat das fabelhafte Dirigat von Mozart-Spezialist Samuel Bächli. Hier schlägt das Herz dieser Aufführung. Auch ohne historischen Instrumente perlt die Musik nur so aus dem Graben, atmet, die Tempi stimmen, nichts wird verschleppt: Das ist musikalischer Champagner vom Feinsten – es klingt, als wenn die Jugendlichkeit Mozarts selbst die Stabführung in die Hand genommen hätte. Die zweieinhalb Stunden vergehen im Flug, und man wünschte sich fast ein dacapo, wenigsten des grandiosen Finales.
Die Sänger agieren alle auf hohem Qualitäts-Niveau mit sichtbarer Freude an der Sache; ausgeglichen, sicher und von der Regie natürlich geführt. Man harmoniert auch musikalisch beglückend schön – ein mehr als geschlossener Ensemble-Geist mit großartigem Einfühlungsvermögen. Die darstellerischen Leistungen standen unisono den Gesanglichen in nichts nach – gute Arbeit auch von Chorleiter Nandor Ronay.
Anke Sieloffs DORABELLA zierte ein wunderbar substanzreicher feinfühlig und differenzierter Mezzoklang, und welch eine FIORDILIGI von Claudia Braun, geradezu überwältigend ihr schöner Sopran mit edlem Legato und bezaubernd warmen Timbre – beide Künstlerinnen verbindet eine geradezu beseelte Stimmführung.
Clemens C. Löschmanns FERRANDO eint Mezzavoce Kultur mit einfühlsam mozartschem Cantabile, während Günter Papendells GUGLIELMO hohes stilistisches Einfühlungsvermögen mit dennoch kraftvollem Aplomp und sehenswerter Spiellaune attestiert werden muß. Bemerkenswert auch die eigentlichen Nebenrollen: Ann-Kathrin Fetiks (Despina) ist eine Charakterstudie, die weit über die vitale Soubretten-Nummer hinausgeht – ein erstaunliches Stimmvolumen. Der Don ALFONSO von Joachim G. Maaß ist nicht nur wohlklingend, sondern zeitigt auf brillante Art und Weise allen Feinheiten und Facetten dieser, leider allzu oft von Regisseuren vernachlässigten, mehrdimensionalen Figur. (…)
Ein schöner Opernabend – Überzeugendes Musiktheater am MiR.
(…) Meine Empfehlung an all die auswärtigen Mozartianer: Diese Produktion unbedingt auf Ihre „To do-Liste“ setzen! Bei den Gelsenkirchenern bin ich sicher, daß sie, auch ohne diese Kritik, ihr Opernhaus stürmen.