Ballett von James Sutherland zur Musik von S. Prokofjew
Pfalztheater Kaiserslautern 2015/16
Bühne und Kostüme _ Verena Hemmerlein


Fotos _ Marco Piecuch


Pressestimmen

Die Rheinpfalz     –      15.02.2016  

Fabian R. Lovisa

Ein großer Wurf

James Sutherland choreographiert am Pfalztheater in Kaiserslautern

(…) Und tatsächlich ist Sutherland ein großer Wurf gelungen, wobei er die Compagnie weiter in Richtung modernes, zeitgemäßes Tanztheater führt. So punktet seine Choreographie über weite Strecken mit einer Emotionalität, die in ihren besten Momenten unweigerlich fesselt. (…)  Sutherland bedient sich eines zeitgemäßen Vokabulars, das neben klassischen Versatzstücken Ausdruckstanz, Akrobatik, bis hin zu fernöstlichen Tai-Chi-Elementen verschmilzt. Drastik und Humor scheinen nicht selten herauf. Zumeist im hohen Tempo treibt er die Handlung voran.  (…)  In Sachen Präzision hat sich einiges getan im Ensemble (…)  Eine geschlossene Leistung auf hohem Niveau darf man der Truppe attestieren, (…)  allen voran der kraftvolle Ermanno Sbezzo und die hinreiißend expressive Risa Yamamoto als das Titelpaar.

Rodrigo Tomillo treibt sein Orchester beherzt durch die zerklüfteten Gefühlslandschaften der Partitur. (…) Es entsteht eine hochdramatische, hochverdichtete Tonsprache, die dem großen Thema in seinen vielen Facetten gerecht wird.

Die Bühne von Verena Hemmerlein (auch Kostüme) hält sich minimalistisch zurück. Gleichzeitig eröffnet sie mittels Hubpodessten diverse Ebenen und Räume vom Balkon über Plätze und Straßen bis zum idyllischen Liebesgarten und schafft damit unaufdringlich Atmosphäre.

Am Ende ist es ein Ballettabend mit Nachhall – und mit Beifallsbekundungen, wie sie in dieser Vehemenz sonst eher die Musicalsparte erlebt.

Prädikat: sehenswert.


www.tanznetz.de    –   17.02.2016     

Leonore Welzin

Bitterzarte Parabel vom Frühlingserwachen  (…)

Enthusiastisch feiert das Premierenpublikum den Gastchoreografen, die Solisten, das Ensemble sowie das Orchester des Pfalztheaters (…). Zu Recht, denn die Inszenierung ist eine überragende Gesamtleistung, zu der nicht zuletzt auch Bühnenbild, Kostüme und Licht beitragen.

Die Grundstimmung ist düster, das Anfangsbild eine Treppe aus mehreren Stufen: Man trifft sich, man unterhält sich, man balgt sich – quasi unbekleidet menschelt es in dieser Gesellschaft, in der Kleider noch nicht Leute machen, Kostüme nicht Stand und Status definieren und die Stufen der Hierarchie noch so flach sind, dass sie überwunden werden können.

Zweieinhalb Stunden, zwei Leichen und eine heimliche Hochzeit später drückt Romeo die scheintote Geliebte an sich, tanzt wie in Trance mit ihrem leblosen Körper, dessen Gliedmaße willenlos schlenkern. Das Grand Pas de Deux ist ein Finale im wörtlichen Sinn. (…) Schließlich liegt das Paar (…) vereint im Tod am Fuße einer Treppe, deren Stufen schier unüberwindbar hoch sind – aus der flachen Hierarchie des Anfangs ist eine steile geworden.

Sutherlands dramaturgische Stärke ist sein Purismus. Er konzentriert die Handlung aufs Wesentliche, zieht alle Register des Tanzes. Licht (Harald   Zidek) und Ausstattung (Verena Hemmerlein) – wie das Hoffnungsgrün an einem kleinen Bäumchen, eine halbtransparente Wand, hinter der weiße Wolken den flüchtigen Charakter dieser Liebe andeuten oder das intensive Rot des Kleides – sind sparsam eingesetzte Akzente, deren Symbolik nie die Akteure dominiert.

Ungebrochen ist die Ausdruckskraft seiner Tänzer, die emotionale Zustände gänzlich pathosfrei in Körperzeichen übertragen. Für sie und mit ihnen entwickelt Sutherland eine unerschöpfliche Fülle an Tanzidiomen, Bewegungsmotiven und Varianten, die präzise ineinander greifen. Insbesondere das Liebespaar sprüht vor Ideen und erhebt sich schmetterlingsleicht über Konventionen und Zwänge einer modernen Feudalgesellschaft. Wunderschön wie Sutherland den ersten Kuss im Sprung, quasi als Zufall, inszeniert!

Diese Leichtigkeit des Seins steht in schroffem Kontrast zu den Gruppenszenen: Wir alle spielen Theater, wir alle tragen Masken. Unter dem Firnis frostig-formaler Rituale schwelt Unheil. Prokofjews bohrende Rhythmik und wilde Motorik durchbricht festgefahrene Muster. So durchlässig wie sie vom Orchester des Pfalztheaters vorgetragen wird verbinden sich Akkordfolgen, gewagte Harmonik und aufreibende Dissonanzen mit dem Bewegungsvokabular der 14 Tänzerinnen und Tänzer und verdichten sich wie von selbst zu einer ästhetischen Einheit. (…)