Oper von Grigori Frid
Theater Orchester Biel Solothurn
Inszenierung Isabelle Freymond
Bühnen- und Kostümbild Verena Hemmerlein
Licht Wim Wermuth
Premiere 31.10.2025


























Fotos Konstantin Nazlamov, Roberto Santos Luy
Presse Stimme
Das Tagebuch der Anne Frank OPERNWELT Januar 2026 Peter König
Ganz großes Musiktheater im kleinen Rahmen auch beim Theater Orchester Biel Solothurn: Nur eine gute Stunde dauert Frids Oper, in der 21 Auszüge aus Anne Franks Tagebuch vertont sind, aber sie enthält, auch weil diese Auszüge ein bewegendes Bild ihres Schicksals vermitteln, einen wahren Kosmos an Gefühlen. (…) Das Monodrama wurde (…) ausdrücklich auch mit dem Ziel gewählt, jüngere Menschen für die Oper anzusprechen. Und mehr noch: Sieben Mitglieder des Jungen Theaters Biel agieren als Schattenfiguren auf der Bühne und verleihen so Musik wie Text eine weitere Dimension.
Es ist eine Musik, die, ohne eklektizistisch zu wirken, auch in der vom Komponisten selbst erstellten Kammerfassung spielerisch die Stile verbindet, vom herkömmlich totalen Gefüge über zwölftönige und serielle Elemente bis hin zu Jazz-Anspielungen, Walzer und Turmglocken. Diese Stilvielfalt bildet Annes komplexe Gefühlswelt adäquat ab – von Verzweiflung und Trauer über Hoffnung bis zur ersten zaghaften Verliebtheit. Die Reife von Annes Text macht bei jeder Lektüre des Tagebuchs und jetzt auch wieder als Libretto staunen: Was für ein kluges und hellsichtiges, tapferes Menschenskind, das uns da seine Gedanken und Gefühle vermacht hat! Es ist selten, dass eine Interpretin derart symbiotisch in der gespielten Figur aufgeht. (…) die Sängerdarstellerin Anna verschmilzt mit der Figur Anne, die wir von den bekannten Fotos her kennen: Anna Gomes ist Anne Frank, so frappant ist die Ähnlichkeit in Gesicht und Gestalt.
Francis Benichou leitet die Aufführung mit sekundengenauem Timing und viel Gespür für die zahllosen Feinheiten der Partitur. (…) Alle neun, hinter der Szenerie postierten Instrumentalisten bewältigen ihre schwierigen Parts ohne jeden Makel und mit großer Spielfreude.
Die Enge des Amsterdamer Hinterhauses ist beklemmend und zum Greifen nah in Szene gesetzt; man meint förmlich, dem Moder zu riechen, den Staub zu spüren. Ausstatterin Verena Hemmerlein mutet der Protagonistin mehrere Garderobenwechsel auf offener Szene zu, jedoch sehr sinnfällige: Aus den vielen Schichten, die sich Anne überzieht, kann man auf die Kälte im Haus schließen. Auch das anfangs bürgerliche Mobiliar ist nach dem Umzug ins Versteck nurmehr provisorisch und spärlich; Koffer dominieren, Annes Bett verwandelt sich in eine Pritsche. Das Licht (Wim Wermut) lässt die junge Frau oft nur vor einem diffus-dunklen Hintergrund hell hervortreten. Wenige Requisiten – ein Plüschbär, ein Paar übrig bleibende Schuhe, natürlich das Tagebuch – sprechen Bände; allesamt Gegenstände von erheblicher Symbolkraft: minimaler Mitteleinsatz mit maximaler Wirkung. Die Regisseurin Isabelle Freymond hat aus all diesen Elementen ein Gesamtkunstwerk von seltener Dichte und Dringlichkeit geschaffen, das zu Recht frenetisch gefeiert wird. Vor allem aber steht das volle Haus im Bann einer singulären solistischen Leistung.
Das Tagebuch der Anne Frank – Die Stimme der Kritik für Bümplitz und die Welt – 1.11.2025 – Michel Schaer
Eine Sternstunde des Musiktheaters.
Die Planeten haben sich vereinigt, um gerade an diesem Abend, in diesem, Haus, eine Produktion steigen zu lassen, die an keinem anderen Ort der Welt anrührender, schöner und intensiver hätte ausfallen können. Alle Elemente wirken zusammen: Die Sätze des Tagebuchs, das Licht der Scheinwerfer, der Klang der Instrumente, der Ausdruck der Komposition und die Persönlichkeit der Sängerin. Miteinander schaffen sie eine Aufführung, in der Wirklichkeit und Kunst, Schönheit und Trauer, Vergangenheit und Gegenwart dergestalt ineinanderwachsen, dass der Eindruck entsteht, Anne Frank spreche an diesem Abend, in diesem Haus …. gerade zu uns.
Das Licht stammt von Wim Wermuth. Zusammen mit der Musik von Grigori Fred umspielt es als klug bewegte kubistische Komposition Anne Franks Situation, Gestalt und Geschichte. Für den Abschnitt welchen die junge Frau zwischen 13 und 15 Jahren im Tagebuch festgehalten hat, lassen die Scheinwerfer tausend Facetten aufdämmern aufglänzen, aufstrahlen. Mal stellen sie das Gesicht der Heranwachsenden in dramatische Profilschatten, mal rücken sie es durch die Flüchtigkeit mittelalterlicher Andachtsbilder in eine jenseitige, selbstversunkene Ferne.
Zum gewaltigen Eindruck trägt das fein getaktete Spiel mit dem Raum bei. Verena Hemmerlein stellt Teppich, Schrank, Bett, Sessel auf die Vorbühne. Damit kommt uns das Geschehen zum Greifen nahe. Wenn die Musik schweigt, vernehmen wir Anne Franks Atem. (…)
Die Umbauten bilden aufregende Ereignisse: Das Licht erlischt, und schwarze Gestalten, verkörpert durch Mitglieder des Jungen Theaters Biel JTB, bringen mit flüssigen Bewegungen Requisiten auf die Bühne, schaffen dadurch neue Verhältnisse und evozieren mit dem Raumwandel die unheimliche Dynamik der Geschichte, der Anne Frank im KZ Bergen-Belsen mit 15 Jahren zum Opfer fallen wird. (…)
In einem kleinen, runden Lichtfleck verdämmert am Ende der Aufführung ein Paar eleganter, weisser Stöckelschuhe. Sie stehen für die Hinterlassenschaften der Ermordeten an den Güterrampen der Vergasungsanstalten und für den Aschenbrödel-Traum vom Prinzen, nach dem sich Anne Frank vergebens gesehnt hat. Der Antisemitismus hat sie um ihr Leben betrogen.
Geführt von Isabelle Freymonds sensibler Regie bewegt sich die Sängerin Anna Beatriz Gomes durch die Abschnitte, von denen das Tagebuch Kunde gibt. (…)
Im Monolog des Tagebuchschreibens vollzieht sich Anne Franks Dasein in der Innerlichkeit. Ihr Kern kommt in der hellen, klaren, nuancenreichen Stimme der Darstellerin zum Ausdruck. (…)
Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn realisiert unter der Leitung von Francis Benichou die Partitur mit Sorgfalt, Schönheit und Zartheit. Der Klang ist geprägt vom permissiven Stil der Zeit. Er vereint Energie mit Gewalt, wie es den Regimes in Ost und West entsprach. Doch in Biel /Solothurn entziehen sich die solistisch geführten Instrumentalstimmen immer wieder dem harten Takt, und in der weichen Kantabilität ihrer Linien verwirklichen sie ein anrührend menschliches Mass.
Grigori Fred komponierte die Partitur zu Anne Franks Tagebuch im Stil der sogenannten entarteten Kunst Die Musik welche die junge Frau umfliesst, war vom Reich verfemt. Damit passt der damals unterdrückte Klang zum Schicksal der sieben bedrohten Juden im Hinterhaus.
In dieser vergangenen Welt begegnen wir Verhältnissen, die wir überwunden glaubten und die uns seit kurzem wieder auf unheimliche Weise näherrücken. Damit ist „Das Tagebuch der Anne Frank“ mehr als ein Kunstereignis, mehr als eine Sternstunde des Musiktheaters. Es ist ein Menetekel.