Tanzoper mit Musik von Gluck, Händel, Haydn, Martinez, Mozart
Uraufführung 14. März 2026
Choreographie Anton Lachky
Luzerner Theater
Luzerner Sinfonieorchester
Bühne und Kostüme Verena Hemmerlein
Fotos Ingo Hoehn






























Presse Stimme
Die Lieben der Berenice – Luzerner Zeitung – 16.03.2026 – Roman Kühne
Ein Mosaik aus Körpern und Stimmen
Die Premiere von „Die Lieben der Berenice“ am Luzerner Theater ist ein glitzerndes Gemisch der Künste. Und elektrisierte das Publikum.
Die Premiere der Tanzoper „Die Lieben der Berenice“ im Luzerner Theater am Samstagabend ist eine elektrisierende Melange aus Bewegung und Gesang. Das Grundgerüst bildet die Geschichte der ägyptischen Thronaspirantin Berenice. Welche es genau war, lässt sich nicht so klar sagen. Ihr Name bedeutet „jene die den Sieg bringt“. (…)
Die in der Kultur verwendete Berenice soll eigentlich den mazedonischen König Antigonos heiraten, verliebt sich jedoch in dessen Sohn Demetrio. Ein Stoff, der bis heute von über 40 Komponisten und Komponistinnen in Musik umgesetzt wurde.
Das Konzept der Operndirektorin des Luzerner Theaters Ursula Benzing legt den Fokus auf den Moment, als Berenice sich fragt: „Was tust du?“ Diesen Augenblick der Ausweglosigkeit, der Qualen, aber auch der Hoffnung und Zuversicht. Mit der Musik verschiedener barocker und klassischer Komponisten – Luigi Boccherini, Joseph Haydn oder Mozart – und deren Zeitgenossin Marianna Martines werden Gefühle und Windungen der Frau und ihrer Liebhaber beleuchtet. (…)
Am Samstagabend elektrisiert buchstäblich die Aufführung von Anfang an. Was die 13 Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne werfen, ist Kontrast und Ergänzung zur Musik zugleich. (…)
Mit einem Sturm an Luftsprüngen, Gelenkrhythmen oder Bodendrehungen werden alle Bereiche menschlicher Bewegung ausgereizt. Unter Strom und im Cyberspeed-Modus. (…) Es ist eine Mischung aus Streetdance, Akrobatik und Ballettfiguren, die alle Grenzen verschwimmen lässt. (…) Diese Mikroelemente in explosivem Tempo sind das Markenzeichen des Tanzchoreografen Anton Lachky. Sein Ansatz bringt kleine Module, oft zufällig wirkende, jedoch präzis definierte Bausteine in immer neuen Kombinationen zusammen.
Bruchstücke, die den Tänzerinnen und Tänzern alles abverlangen. Eine Körperkontrolle an der Grenze des Möglichen, ohne je die Leichtigkeit zu verlieren. (…)
Dann ist seine Choreografie auch von viel Witz und Poesie geprägt. Zum Beispiel im Moment, als ein Tänzer seine meditativenÜbungen vorzeigt. Und dann aus dem Nichts, scheinbar nackt, einen Rückwärtssalto schlägt. (…) Es ist ein hoch stimulierendes Spiel der Spannung und Entspannung. Ein Zaubergarten, der über neunzig Minuten lang fasziniert.
Dazu kommen das Luzerner Sinfonieorchester und Sängerinnen und Sänger, welche die Dramatik und den Fluss des Tanzstroms wirkungsmächtig in Töne fassen. (…) Die Bühne von Verena Hemmerlein bettet das wilde Tun in ein poetisches Gewand. Steigende Leuchtpunkte, der goldene Hintergrund und eine elegante Ausleuchtung füllen perfekt und sinnstiftend die kleine Bühne (…)
„Die Lieben der Berenice“ – OPER! – in Aufführungen international, Kritiken – 17.03.2026 – Herbert Büttiker
(…) Die Lieben der Berenice, die sehr sehens- und hörenswerte spartenübergreifende neue Produktion des Luzerner Theaters, zitiert Metastasios Monolog in der gloriosen Vertonung der dramatischen Szene „Berenice che fai?“, die Joseph Haydn 1795 in London zur Uraufführung brachte. Berenice verzweifelt darin, weil ihr Geliebter Demetrio droht, sich umzubringen. Er ist der Sohn des makedonischen Königs Antigono, mit dem Berenice verlobt ist und dem die Treue zu halten sie sich verpflichtet fühlt.
Als barocke Opernheroine, wie sie im Buche steht, trifft die Mezzosopranistin Solenn‘ Lavanant Linke, ausdrucksstark und beherrscht mit Haydns Konzertarie ins Herz des Publikums. Der Level der Produktion ist gesetzt, dies aber noch vor diesem ersten sängerischen Auftritt durch TanzLuzern. Zum dritten Satz von Luigi Boccherinis Sinfonie mit dem Titel La casa del Diavolo – mit Bezug auf Don Juan, aber passend zu Berenices Höllenqualen – zeigen Tänzerinnen und Tänzer je einzeln ihr spektakuläres Können: eine bis in die Fingerspitzen energetische Bewegungssprache, athletisch und temporeich, gestisch überaus komplex, voller eleganter Verrenkung in skulpturaler Präzision zwischen meditativem Tai Chi und heftiger Verausgabung. Von Barocktanz lässt sich insofern sprechen, als diese Körperarbeit das Sequenzieren, das schnell getaktete motorische Figurieren und die ziselierende Verzierungskunst der Barockmusik aufgreift und ins Breakdance-Zeitalter übersetzt.
Die Lieben der Berenice stellt als gemeinsame Produktion des Luzerner Opern- und Tanzensembles eine Uraufführung dar, die weder ein Tanzabend zu vokaler Musik ist, noch eine Oper mit Tanzeinlagen. Der Choreograf und Regisseur Anton Lachky führt Tänzer und Gesangssolisten getrennt voneinander über die Bühne. (…)
Wie daraus keineswegs eine Verwässerung beider Kunstformen resultiert, sondern beide in hoher Professionalität für sich stehen und doch in einen Dialog treten, ist spannend, gelegentlich auch überfordernd, nämlich dann, wenn Gesang und Tanz zu sehr in Konkurrenz zueinanderstehen. (…)
Dass die Recherche zu Berenice das Theater zu kaum oder gar nicht bekannter Musik geführt hat, gehört mit zum Reiz dieser Produktion. Der Dirigent Andreas Spering hat für den Abend reichlich Vorarbeit geleistet. Im Falle von Martines etwa musste das Autograf transkribiert und für das Orchester eingerichtet werden. Dass es sich gelohnt hat, ist keine Frage: Das Luzerner Sinfonieorchester bietet unter seiner Leitung einen fulminanten Reigen der dramatisch furiosen und lyrisch empfindsamen Ausdruckswelt zwischen Barock und Frühklassik. (…) Umso bemerkenswerter, wie Die Lieben der Berenice eine Essenz des Frauenschicksals auf die Bühne bringt und auf alle wirren Umstände der Opera- seria-Intrigen verzichtet.
Verena Hemmerlein hat dafür einen atmosphärisch feinen Bühnenraum geschaffen. Dessen sensible Materialität und Beleuchtung bringt auch die leichten Kostüme zur Geltung. Mit viel Anmut in der Haltung und heiterem Ausdruck bezaubert so auch der letzte Auftritt der Berenice: Elvira Margarian, Mitglied des Opernstudios auch sie, singt auf glitzernde Weise die Berenice des 13-jährigen Mozart, der sich mit Koloraturen und Laufwerk nicht genugtun konnte und über den anonymen Text ein strahlendes Tugend- und Herrscherlob singen lässt. Explosionsartige Finalfreude des ganzen Ensembles tobt zum Schluss zu Glucks musikalischem Drive und löst den veritablen Aufstand im Publikum aus. Die Lieben der Berenice sind übergesprungen auf Opern-, Tanz- und Theater-Euphorie.