Ballett von Kenneth Tindall und Ian Kelly
Musik von Alexandra Harwood
Sounddesign Davidson Jaconello
Badisches Staatstheater Karlsruhe
Badische Staatskapelle Karlsruhe
Choreography Kenneth Tindall
Bühne und Kostüme Verena Hemmerlein
Licht Alastair West
Video Christopher Ash
Fotos Christopher Ash, Admill Kuyler
Uraufführung 18. April 2026





















































Presse Stimme
– Die Rheinpfalz – 15.04.2026 – Kai Scharffenberger
Ab 18. April
Dracula: Ballett von Kenneth Tindall am Staatstheater Karlsruhe
Blutsauger in der Modebranche. Im neuen Handlungsballett des Badischen Staatstheaters macht Choreograph Kenneth Tindall Dracula zum Mode-Zar. Impressionen einer Probe.
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Wir sind im Badischen Staatstheater Karlsruhe, bei der Einführungssoiree zum neuen Handlungsballett „Dracula“. Auf der Bühne sitzt das Kreativteam und „talkt“ mit Tanzdramaturgin Silke Meier-Brösicke über die Besonderheiten dieser Produktion. Zwischendurch zeigen Tänzerinnen und Tänzer, noch in Trainingsklamotten, eine paar Szenen der Uraufführung.
Der Vampir als Narzisst
Dass man keinen klassischen Nosferatu erwarten dürfe, stellt der britische Choreograph Kenneth Tindall gleich zu Beginn des Abends klar. Zusammen mit dem Schriftsteller und Schauspieler Ian Kelly, mit dem er zuvor bereits Casanova das Tanzen beibrachte, habe er überlegt, wie man den Stoff ins Heute transferieren könnte. Die Antwort: Dracula ist bei Tindall und Kelly ein exzentrischer Mode-Zar des 21. Jahrhunderts, ein Narzisst, der nach ewiger Jugend lechzt und seine Musen und Models aussaugt. „Bram Stokers Personal und Handlungsgerüst haben wir übernommen“, erläutert der Choreograph, „allerdings mit ein paar Twists und neuen Funktionen.“
Harker, im 1897 veröffentlichten Schauerroman ein junger Rechtsanwalt, ist im Karlsruher „Dracula“-Ballett ein männliches Model, das in einer Vision, die auch ein Drogenrausch sein könnte, von drei lüsternen Musen umgarnt wird. Und aus Harkers Verlobter Mina wird eine Modefotografin, die sich auf ein erotisches Machtspiel mit dem untoten Modeschöpfer einlässt.
Lasse Caballero, die Dracula-Erstbesetzung, und Marta Andreitsiv als Mina tanzen auf der Probebühne den ersten Pas de deux dieser beiden Figuren. In ihrem Wechselspiel aus magnetischer Anziehung und marionettenartiger Manipulation verrät die Szene viel über Kenneth Tindalls Choreographie-Stil: Spitzenschuh, Arabeske und Hebefiguren sind Elemente des klassischen Balletts. Aber Tindall erweitert diesen Formenkanon durch moderne, manchmal auch groteske Elemente. Schon allein, mit welch „tierischer“ Gier Caballeros Dracula hier Minas Witterung aufnimmt, pulverisiert jegliche „Schwanensee“-Lieblichkeit.
Die Musik zum Tanz des Mode-Vampirs, eigens komponiert von Alexandra Harwood, vereint filmmusikalische Opulenz mit rituellen Momenten, Barockmusik wird bei den Modeschauen zitiert, mit Glockenschall und Sakralgesang spielt außerdem eine religiöse Ebene hinein. Integriert in die vom Orchester live gespielte Partitur werden außerdem Sounddesigns von Davidson Jaconello. Sie lassen, zum Beispiel, den Klangraum entstehen, durch den sich der hypernervöse, selbst drogenabhängige Nervenarzt Seward bewegt, zuckend, in physischen Ticks gefangen – Tänzer Christopher Evans gibt eine brillante Kostprobe.
Lava auf dem Laufsteg
Dass dieser „Dracula“ in der Welt der Mode spielt, dürfte für Verena Hemmerlein ein gefundenes Fressen gewesen sein: Mehr als 120 Outfits für ein knapp 30-köpfiges Ensemble habe sie ersonnen, erzählt die Bühnen- und Kostümbildnerin. „Sie kommen unter anderem bei zwei Catwalks zum Einsatz, die jeweils ein unterschiedliches Thema haben, wie bei einer richtigen Modenschau.“ Eines der Mottos sei Lava, verrät Hemmerlein noch.
Wer den blutsaugenden Designer erleben will, muss sich ranhalten. Auf die Premiere am 18. April, die schon seit Wochen ausverkauft ist, folgen bis zum Ende der Spielzeit zwar noch acht Aufführungen, aber auch für diese gibt es teilweise nur noch Restkarten.
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www.staatstheather.karlsruhe.de
– Badische Neueste Nachrichten – 16.04.2026 – Isabek Steppeler
Blut oder Parfum?
Uraufführung: Das Staatsballett Karlsruhe macht „Dracula“ zum Modezar und erfindet sich neu
Karlsruhe. Die Geburt von Dracula. Nebel, graue Vorzeit, archaische Musik. Man glaubt, dem Erwachen von etwas Unauslöschlichem aus dem Dunkel der Zeiten beizuwohnen. Als weiße Taube springt Mina im Grand jeté filigran in die Szene. Der finstere Verführer erliegt ihr sofort, seine Finger folgen seinem Verlangen. Die Magie der Verführung beginnt. Dann der Cut. Die Szene bricht ab. Und man begreift: Das war ein Werbespot. Für ein Parfum namens „Animus“.
Weil dieser Name auf der Bühne wiederkehrt, schließt sich ein Kreis, den das Staatsballett Karlsruhe für seine Uraufführung von „Dracula“ ganz bewusst gezogen hat. Raimondo Rebeck, Ballettdirektor am Badischen Staatstheater, möchte einem wirklich alle Sinne rauben. Ein Duft musste her. Und er wirkt glücklich, als er im Foyer vor einer Probe den ersten Flakon, umhüllt mit schwarzem Seidenpapier, auf den Tisch stellt.
„Dracula“ ist in seiner Komplexität Rebecks Statement dieser Saison. Und offenbar liegt er mit dem Gespür für das Publikum goldrichtig: Seit Wochen ist die Premiere ausverkauft, für die nächsten drei Termine gibt es schon jetzt nur noch Restkarten. Die Idee zum Stoff hatte nicht er, das gibt er freimütig zu. Er verdankt sie seiner 16-jährigen Tochter. Wer am Samstagabend ins Große Haus kommt, erlebt also keinen Kostümschinken mit Kunstblut, Umhang und Eckzähnen, sondern eine Welt aus Laufstegen, Ateliers und After-Show-Partys. Der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte ist hier ein Modedesigner-Gott des 21. Jahrhunderts – ein Narzisst, der die Schönheit und Jugend seiner Models braucht, um sich lebendig zu fühlen.
Die große Frage, die Choreograf Kenneth Tindall und sein Librettisten-Partner Ian Kelly – in Großbritannien bekannt als Schauspieler, Autor und Biograf von Vivienne Westwood – durch den Abend tragen: Warum ist Monstrosität so unwiderstehlich? Warum bleiben Opfer in narzisstischen Abhängigkeiten, auch wenn sie längst wissen, dass sie ihnen schaden?
Tindall, einer der gefragtesten britischen Choreografen seiner Generation, gibt mit dieser Produktion sein Deutschland-Debüt. Die Musik stammt von der britischen Film- und Theaterkomponistin Alexandra Harwood, die schon mit Tindall zusammengearbeitet hat – eine erprobte Allianz.
Und doch ist diesmal alles neu: Die Partitur ist ein Auftragswerk für die Badische Staatskapelle. Und sie klingt anders, als man das aus Orchestergräben gewohnt ist. Die Instrumente tauchen in ein Klangkonstrukt, das seinesgleichen sucht: 32 Mikrofone, jede Gruppe einzeln steuerbar, verweben den Orchesterklang live mit dem Sounddesign des kanadischen Künstlers Davidson Jaconello zu einem Klangerlebnis, das Rebeck schlicht mit „Dolby Atmos“ vergleicht. Auch ein Karlsruher DJ aus der Clubszene, Leonhard Svetoslav, hat am Sound mitgewirkt.
Pulsierende Clubbeats lösen sinfonische Wellen ab, sphärische Elektronik flirrt über Celli, die tief in den Körper dringen, sirenenartige Gesänge steigen auf, Glockenschläge fallen – dann wieder: Stille, zerschnitten von einem maschinellen Herzschlag aus dem Untersuchungsraum der Irrenanstalt, in der Lucy, Minas Freundin, landet. Die Musik ist suggestiv, seduktiv – und lässt einen nicht los.
„Alle Sinne sollen berührt werden: Herz, Bauch, Ohr, Kopf, Auge“, sagt Rebeck. Die Lichtgestaltung von Alastair West und die Videoinstallationen von Christopher Ash aus den USA – der auch filmhistorische Vampire von Murnau bis Hollywood, Klaus Kinsky bis Gary Oldman, einblendet – tun ihr Übriges.
Bühne und Kostüme entwarf Verena Hemmerlein, die musikalische Leitung hat Daniel Carlberg, er ist das Bindeglied zwischen Orchester, Sounddesign und Tanz.
In dieser Fashionwelt soll die Ästhetik nicht zu kurz kommen: Für 30 Tänzerinnen und Tänzer wurden 120 Kostüme genäht. Züngelndes Lavakleid inklusive.
Und der Tanz selbst? „Mit Spitzenschuh, aber ohne Tutu“, bringt Rebeck es auf den Punkt. Das Vokabular ist das des klassischen Balletts, aber alles steht im Dienst der Erzählung. Kein Moment zu lang, keine Geste um ihrer selbst willen. Choreografien von organisch fließender Sinnlichkeit stehen neben ausdrucksstarken Bewegungen Entrückter. […]