Mainfranken Theater Würzburg 2016/2017
Ballett von Anna Vita
Musikalische Leitung _ Enrico Calesso
Choreografie und Inszenierung _ Anna Vita
Ausstattung _ Verena Hemmerlein
Premiere _ 29. April 2017
Fotos _ Prof. Dieter Leistner, Nik Schölzel







































Pressestimmen
Bayerische Staatszeitung – 05.05.2017 – Renate Freyeisen
„Der Tod und das Mädchen /Mozart Requiem“
Suche nach Erlösung
Mit starken Bildern interpretiert das Ballett am Mainfranken Theater Würzburg Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ und mozarts „Requiem“
Das Thema Tod ist für viele Menschen ein Tabu. Doch gerade dazu beschert die Chore- ografin Anna Vita am Fainfranken Theater Würzburg einen Ballettabend mit einem Handlungsballett und abstrakten Tanzimpressionen (…)
Es geht allerdings nicht um Trauer, Depression oder Schrecken, vielmehr um das Ge- heimnis des Lebens, um Erlösung und Hoffnung auf ein mögliches Weiterexistieren.
Man sieht starke Bilder in einer suggestiven Ausstattung von Verena Hemmerlein.
Die musikalische Basis bildet Franz Schuberts Quartett d-Moll in der Orchesterfassung von Gustav Mahler und Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem, klangschön und fein aus- balanciert gespielt vom Philharmonische Orchester unter Enrico Calesso, gesungen von Opernchor und Extrachor und den Solisten Silke Evers (Sopran), Barbara Schöller (Alt), Roberto Ortiz (Tenor) und Bryan Boyce (Bass).
Die tänzerische Auseinandersetzung mit dem Tod zeigte im ersten Teil, wie der Tod für ein Mädchen quasi eine Verführung darstellt als Befreiung aus den Zwängen ihrer Eltern und dem Eingeschlossensein in der Psychiatrie. In der fast erotische Beziehung lauert die Gefahr, den Blick auf das Leben zu verlieren. Alles spielte in einem hohen schwarzen Raum mit halbtransparenten Fenstervorhängen, die vage Visionen ermöglichen.
Eine Bank als Ort der Familie kann hochkant gestellt als Foltergerät in der Irrenanstalt dienen. Die Eltern (Camilla Matteucci und Ioannis Mitrakis) sind beide hochgeschlossen grau gewandet; sie engen das Mädchen, die wunderbar geschmeidige Ran Takahashi, ein.
Wie eine „junge Rose“ in einem fließenden Kleid versucht sie sich vergeblich gegen Konventionen zu wehren. Sie ist ihnen schutzlos ausgeliefert, wenn diese sie – als Pfle- ger in glatten weißen Kitteln personifiziert – unterdrücken. Sie verfällt zunehmend dem Tod, dem mit seiner tänzerischen Präsenz und kraftvollen Ausstrahlung beeindrucken- den Davit Bassénz.
Trost erhoffen
Beim Requiem fährt zuerst eine Menschenmenge von unten herauf, klettert an einer durchsichtigen Wand hoch, als ob sie schauen wollte, was dahinter ist. Geleitet wird sie voneinem Engel mit transparent strukturierten Flügeln. Diese Wesen wirken durch die weißliche Körperbemalung nackt. Wenn sich die Wand senkt, zur Tischplatte oder Bo- denplatte wird, dann erinnern sie auch an Gestalten aus der Verdammnis von Hierony- mus Bosch oder an Steinskulpturen.
Wenn sich aber der Hintergrund hebt und ein lichter Kreis sichtbar wird, scheinen diese nach Erlösung Suchenden, die mal einzeln, mal paarweise, mal als aneinander gekettete Gemeinschaft Trost und Erlösung anstreben, wie Silhouetten, und die Flü- gel, die herabschweben erheben sie dann kurzzeitig zu „himmlischen“ Wesen. Am Ende aber klammern sie sich wieder an die Wand. Langer Jubel für so beeindrucken- de Tanzbilder.
Fränkische Nachrichten – 04.05.2017 – Felix Röttger
Traumhafter Ballettabend mit Musik von Mahler, Schubert und Mozart.
Geerdet und zugleich himmlisch getanzt
Ein zauberhafter Ballettabend wurde im Mainfranken Theater Würzburg geboten.
Das herausragende Gespür von Würzburgs Ballettdirektorin Anna Vita für die tänzerische Umsetzung von Emotionen und Betroffenheit, korrespondierend zur musikalischen Gestaltung durch das Philharmonische Orchester, machen die Uraufführung von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ in der Fassung von Gustav Mahler für Streichorchester sowie Mozarts Totenmesse „Requiem“ zu einer berührenden zweistündigen Meditation.
Gesamtkunstwerk
Nicht einmal die Unterbrechung der Premiere nach einem Defekt der Bühnentechnik schmälert den Eindruck eines Gesamtkunstwerks, zu dem der Opern- und Extrachor sowie die Solisten maßgeblich beitragen.
Das eindrückliche Bühnenbild und die Kostüme von Verena Hemmerlein, unterstützt von einer stimmigen Lichtgebung von Walter Wiedmaier, geben den letzten Schliff. (…)
Generaldirektor Enrico Calesso zaubert mit seinen Streichern den Tänzern vor allem im Pianissimo des zweiten Satzes ätherisch-weiche Klänge, die im Scherzo und erst recht im Presto-Finale choralhafte Züge bekommen.
Auf der Bühne beginnt das Psychodrama im Elternhaus einer Heranwachsenden, deren Freiheitsdrang von den Eltern mit aller Strenge beantwortet wird. Dies verstärkt nur noch die Sehnsucht des Mädchens nach Ausbruch, Befreiung und Liebe.
Die galante Traumgestalt erscheint dem Mädchen als rettende Gestalt, von der sie sich gleichzeitig angezogen und abgestoßen fühlt. (…)
Fantasiewelt
Widerstrebende Gefühle treiben das Mädchen in eine Fantasiewelt, die sie in eine psychiatrische Klinik bringt. Zu spät wird klar, dass dieser vermeintliche Retter die Hoffnung auf Liebe und Freiheit zerstört. Camilla Matteucci und Ioannis Mitrakis verkörpern die kontrollwütigen Eltern in grauen Anzügen, die ihre Tochter notfalls mit körperlichen Zwängen in einem trist-schwarzen Raum mit engmaschig verschlossenen
Fenstern festhalten. Im grün-rosa Seidenkleid tanzt Ran Takahashi ausdrucksstark mit unbändiger Energie, träumt unter einem farbigen Bäumchen, um doch der Verführung durch den geschmeidig sie umgarnenden Tod zu erliegen. Diesen bringt Davit Bassénz in glänzend-schwarzem Justaucorps raumgreifend tanzend auf die Bühne.
Mit Mozarts letzer Komposition „Requiem“ (…) wagt sich Anna Vita an eine Musik, die einen schon ganz ohne Ballett gefangen nimmt. (…)
Fesselnd ist auch die Deutung der Musik durch den Tanz, in dem das Ensemble als eine Gemeinschaft nackter, skulpturhafter Körper agiert, die sich vergeblich über die Erdenschwere hinwegzusetzen und das Göttliche zu erreichen versuchen. Die blassen, blutleer wrirkenden Friedhofs-Gestalten kontrastieren wirkungsvoll zu den leidenschaftlichen Anstrengungen, den Weg zum Himmel über engelsgleiche Geistwesen mit Schmetterlingsflügeln (Aleksey Zagorulko und Renee Marsh) zu finden. Das tänzerische Finale unterstützen die tiefgründigen Empfindungen des noch einmal erklingenden „Lacrimosa“.
Die im vollbesetzten Mainfranken Theater mit viel Beifall honorierte, sehr ausgereifte Aufführung weckt den Wunsch, die nachhaltigen Eindrücke bei einem zweiten Besuch noch zu vertiefen.
Main-Echo – 03.05.2017 – Michaela Schneider
Der Tod und seine Facetten
Tanztheater: Doppelabend „Der Tod und das Mädchen /Requiem der Würzburger
Ballettcompagnie
Er ist ein düsteres, wie theatralisch sinnlich-spannendes Thema: der Tod. (…)
Das Publikum erlebt zunächst ein als Psychodrama verpacktes Handlungsballett zur Streichorchesterfassung von Franz Schuberts Quartett durch Gustav Mahler, dann eine abstrakte Choreografie zur Musik von Wolfgang Amadeus Mozarts Totenmesse.
Das Philharmonische Orchester Würzburg unter Leitung von Enrico Calesso, Solisten, Chor und Extrachor des Mainfranken Theaters gestalten den Abend live. (…)
Der faszinierende Fremde
Es wird schier erdrückt von der Enge und Strenge des Elternhauses. Dann begegnet es jenem faszinierenden Fremden, der Freiheit zu versprechen scheint. Doch zwingt er sie in die totale Abhängigkeit, treibt sie in die psychiatrische Anstalt. Erst spät, zu spät, begreift das Mädchen, dass ihr im rätselhaften Freund der Tod leibhaftig gegenübersteht. Anna Vitas deutliche Handschrift ist das Handlungsballett und so erstaunt es nicht, dass sie um das Motiv des Mädchens, das dem Leibhaftigen begegnet, ein Psychodrama spinnt, das erst im Elternhaus, dann in einer psychiatrischen Anstalt spielt. (…)
Schlicht, doch gelungen ist Verena Hemmerleins Bühnenbild, das die Handlungsräume Elternhaus und Psychiatrie im schwarzen Raum mit hohen blickdichten Fenstern abstrahiert. Nur, wenn sich das Mädchen in Fantasiewelten flüchtet, wenn es Freiheit wähnt, geben diese den Blick in andere Welten frei.
Für die abstrakte Inszenierung „Requiem“ nach der Pause öffnet Hemmerlein den Raum zu einem Halbrund und baut eine ans letzte Abendmahl erinnernde milchig-gläserne
Tafel auf, die sich im Laufe des Abends auf der Drehbühne ständig verwandelt – mal in eine Wand, mal in ein zu überwindendes Hindernis mal in eine Ruhestätte. Es geht um Vergänglichkeit und Abschied, aber auch um Sehnen und Hoffnung.
Themen, die zu Schatten- und Lichtspielen, zu effektvollen Bühnenbildern einladen. Die Tänzer des Ensembleballetts sind weiß geschminkt, wirken wie in Stein gemeißelt.
Große Engelsflügel schweben herab, machen Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.
Traumartige Bewegungen
Vita gestaltet ihre Choreographie als gelungenes Wechselspiel aus traumartiger Bewegung und an Gemälde erinnernde Standbilder. Der Chor und die Solisten stehen auf vier Balkonen rechts und links der Bühne, singen anrührend, singen impulsiv, bewegen sich zwischen zarter Weichheit und großer Dramatik, fein untermalt vom Philharmonischen Orchester. Am Ende ist es die Kombination aus Bewegung und Schönheit, aus Licht und Klang, die die Choreographie „Requiem“ fürs Publikum zum Erlebnis macht.
Leporello Kulturmagazin – 5/2017 – umm
Der Tod als Freund
Gefeierter Ballett-Doppelabend: „Der Tod und das Mädchen“ und Mozarts „Requiem“
Einen gelungenen Kraftakt stemmte das Mainfranken Theater mit zwei viel beklatschten Ballett-Premieren. (…) Es geht um ein Mädchen, dessen Energie und Fantasie in einem strengen Elternhaus unterdrückt werden, und die sich in Folge aus der Realität weiter und weiter entfernt. Sie erträumt sich einen imaginären Freund und wird schließlich in die Psychiatrie eingeliefert. Dort begegnet ihr dieser Fremde, den sie erst viel später als den Tod erkennt.
Statt des Schubert’schen Quartetts erklang unter der sorgfälitigen Leitung von Enrico Calesso das Arranagement für Streichorchester, das Gustav Mahler – was damals gängige Praxis war – vorgelegt hat. (…)
Mit viel Esprit und variablen Ausdrucksmöglichkeiten tanzte Ran Takahashi das Mädchen, das sich im Sog des Todes, von David Bassénz mit Power und viel Hingabe vorgetragen, verstrickt und kämpft.
Großes Lob gilt dabei der Bühnenbildnerin Verena Hemmerlein, die sich durch ihre intensive Beschäftigung mit Tod und Menschsein, sowie mit Rodin und Bosch, mit der ihr eigenen Handschrift eingebracht hat. „Bei meiner Suche nach dem Bild des Menschen, der …im Tode nackt vor Gott tritt, haben mich Gemälde von Hieronymus Bosch und Skulpturen von August Rodin inspiriert“, so Hemmerlein zum zweiten Teil des Ballett-Doppelabends, der ergreifenden Totenmesse, dem „Requiem“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Seitlich der Bühne flankiert von zwei Ebenen, lieferten Chor und Solisten Silke Evers, Barbara Schöller, Roberto Ortiz und Bryan Boyce verzweifelte Momente in ihrem intensiv-frommen Gesang ebenso wie ein beinahe schüchternes „Salva me“, ein loderndes „Dies irae“ und zum Ende selige Ruhe im Gebet „Recordare Jesu pie“ der Solostimmen. Dazu bewegten sich Tänzerinnen und Tänzer in weißblassem Outfit auf verschiedenen Ebenen, ohne die Klarheit auf der Bühne zu verletzen. Zu sehen sind schöne Pas de deux, akrobatische Hebungen, fliegende Sprünge und vor allem starke Bilder.
Ästhetik in ihren Solodarbietungen bringen Aleksey Zagorulko und Kirsten Renee Marsh als Engel mit transparenten Flgeln die auf Reinigung und Erlösung hoffen lassen und letztendlich auch die Jenseitsgestalten tröstend einbeziehen.
O-Ton Kulturmagazin – 30.04.2017 – Renate Freyeisen
Sehnsucht nach Erlösung
Tod wird oft als Erlösung aus irdischer Not apostrophiert. Beim zweiteiligen Ballettabend am Mainfrankentheater Würzburg „Der Tod und das Mädchen“ und „Requiem“ steht auch dieses Thema im Vordergrund, nämlich die Hoffnung von Menschen auf Befreiung von allen Zwängen, die einem das Leben auferlegt. (…)
Anna Vita, die Würzburger Ballettchefin, entwickelt zu diesen beiden wunderbaren Musikwerken im ersten Teil ein Handlungsballett, im zweiten, umfangreicheren Teil in einem allgemeingültigen, symbolhaften Tanz starke Bilder um das Geheimnis des Lebens, offenbart in der Konfrontation mit dem Tod, dem Ende des irdischen Daseins und dem Mysterium eines möglichen Weiterexistierens in anderer Form. Beide Teile dieses großen Tanzabends harmonieren auf erstaunliche Weise. Im ersten Teil besitzt der Tod für das Mdchen geradezu verführerische Qualitäten, stellt für sie eine Befreiung aus der Enge der bürgerlichen Konvention ihrer Eltern dar und aus den Zwängen einer Irrenanstalt; doch letztlich erweist er sich als trügerisch hinsichtlich einer erotischen Erfüllung. Im zweiten Teil des Abends erfahren die Menschen auf der Schwelle zum Tod die Emotionen, die sie verbinden mit dem irdischen Leben und seinem Ende und der unbestimmten Sehnsucht nach einem Leben „danach“.
Bemerkenswert an diesem Ballettabend ist der große Einsatz der Musik. Das Philharmonische Orchester Würzburg spielt unter der äußerst engagierten Leitung von Enrico Calesso mit feinen Farben und klangschön zuerst die Orchesterfassung für Streicher von Schuberts Quartett in der Bearbeitung von Gustav Mahler, (…) und danach erklingt Mozarts Requiem (…) Im Requiem aber wirken Opernchor und Extrachor mit (…) und trotz der getrennten Platzierung, rechts und links an den Seiten, gelingen die Fugen und die Balance mit dem Orchester ausgezeichnet, besonders schön die sanft-intimen Stellen. Zusammen mit dem sehr ausgewogenen Solistenquartett Silke Evers, Sopran, Barbara Schöller, Alt, Roberto Ortiz, Tenor, und Bryan Boyce Bass, (…) ergibt sich ein beeindruckendes musikalisches Ganzes.
Immer wieder aber wird die Aufmerksamkeit der Zuschauer ganz absorbiert von der optischen Seite. Dazu trägt neben dem Tanz vor allem die Ausstattung von Verena Hemmerlein bei. Im ersten Teil ist die Bühne schwarz, mit raumhohen Säulen im Hintergrund, die drei Öffnungen freigeben, die aber meist verschlossen sind durch ein halbtransparentes Gespinst eines dunklen Gewebes. Nur eine Bank ist nötig als Verortung der Familie; gleichzeitig dient sie hochkant aber auch als Instrument der Folter in der Psychiatrischen Klinik. Das Mädchen, in einem hellen, sanftfarbenen, fließenden Gewand, vergleichbar „einer jungen Rose“, so Hemmerlein, ist eine lichte Gestalt und ein Gegensatz zu den streng hochgeschlossen, in dunkles Grau gekleideten Eltern, die später in glänzend weißen Lack-Kitteln das Personal der Psychiatrie andeuten, ebenso wie zum Tod, der zuerst hinter dem Vorhang nur vage erscheint, sich aber dann mit seiner starken körperlichen Anziehung dem Mädchen zuerst in einem schwarz glitzernden Gehrock und dann mit nacktem Oberkörper präsentiert. Zunächst möchte sich das Mädchen aus den Zwängen der Eltern befreien. Diese, die sehr elegante Mutter, Camilla Matteucci, und der groß gewachsene Vater, Joannis Mitrakis, verkörpern mit ihren abgezirkelten Bewegungen und in ihrer gleich ausgerichteten Harmonie ein aufeinander bezogenes, konventionelles Paar, zwischen dem das Mädchen keinen Platz hat, auch wenn es sich wehrt, nach außen strebt, in heftigem Aufbäumen gegen die Einschränkungen.
Ran Takahashi tanzt dieses Mädchen mit geschmeidiger Ausstrahlung, innerer Anspannung, äußerst gelenkig, flink, auch in Momenten der Resignation bemitleidenswert als unterdrücktes, fast willenlos von der Gewalt in der Klinik unterdrücktes schlaffes Wesen. Besonders in den eigenwilligen Pas de deux mit dem Tod, dem sie immer mehr verfällt, auch wenn sie ihn anfangs abwehrt, sich mit ihm aber am Schluss in einem quasi erotischen Spiel vereint, überrascht sie. Dieser Tod aber,
Davit Bassénz, beeindruckt durch seine tänzerische Präsenz, sei es in exakten Drehungen, bei Sprüngen oder am Boden, und vor allem durch seine kraftvolle körperliche Ausstrahlung. Der Schluss aber wirkt nicht deprimierend, denn das Mädchen sieht in der Vereinigung mit dem Tod vage einen Baum, die Aussicht auf neues Leben.
Beim Requiem herrscht eine andere Stimmung. Hier fällt der Blick gleich auf eine Masse Menschen, die von unter her auffahren. Hemmerlein lässt sie alle gleich aussehen durch weißliche Körperbemalung; sie wirken nackt, ein wenig schutzlos. Lediglich ein Engel in weißer Hose und mit Flügeln, die transparent strukturiert sind, Aleksey Zagorulko, dem sich später ein zweiter Engel, Kirsten Renée Marsh, hinzugesellt, hebt sich aus dieser Masse hervor. Im schwarzen Rund der Bühne gibt es eine durchsichtige Wand, an der die menschlichen Wesen emporklettern, wie um zu schauen, was „drüben“ ist. Diese Wand aber kann sich später auch herabsenken, zu einer Tischfläche werden, auf der die Menschen wie zu künstlichen Figuren erstarren, zu Skulpturen wie aus einem Bildhauerzyklus werden, eingefroren scheinen, während sich vorher auch Assoziationen ergeben an ältere Weltuntergangsbilder wie von Hieronymus Bosch, wo die Menschen nackt hinunterstürzen entweder in die Verdammnis oder gerettet werden. Erlösung von solchen Schrecken verheißt der Friedensengel. Die sich oft verknäuelnde Masse, die sich auch als Kette zusammenschließt oder sich paarweise vereint, wie um Beistand zu suchen bei anderen, kann aber auch Visionen von Einzelnen zeigen von einer Befreiung aus der Tiefe irdischen Daseins, wenn sich verheißungsvoll das Dunkel hebt, ein heller Kreis die Figuren wie Silhouettten erscheinen lässt, wenn Engelsflügel herabschweben und die Menschen zu Wesen verwandeln, die sich „himmlisch“ fühlen. Doch am Schluss des Requiems mit dem Lacrimosa werden die „nackten“ Körper wieder zu Suchenden nach Erlösung, wenn sie an der Wand emporklettern und dort gekrümmt verharren. All diese eindrucksvollen Bilder, getanzt meist in synchronischer Ausführung, in einem Stil zwischen klassisch und modern und in immer wieder neue Formationen aufgeteilt, werden noch unterstrichen durch die quasi „magische“ Beleuchtung von Walter Wiedemann.
Nach diesem außergewöhnlichen Ballettabend hebt einhelliger, begeisterter Beifall an mit vielen Bravorufen und stehenden Ovationen. (…)