Ballett von James Sutherland
Pfalztheater Kaiserslautern 2019/20
Bühne _ Verena Hemmerlein
Kostüme _ Rosa Ana Chanza
Premiere _ 15. Dezember 2019
Fotos _ Prof. Dieter Leistner, Andreas J. Etter













Pressestimme
Die Rheinpfalz – 17.12.2019 – Fabian Lovisa
Ein Menschheitsthriller
Pfalztheater: Tanzdirektor James Sutherland legt mit seiner Choreografie „Sacre“ eine eigenwillige Deutung des Ballettklassikers vor
(…)
Tanzdirektor James Sutherland hat die Messlatte hoch gelegt für die Versionen, die am Darmstädter Theater im Februar und am Mannheimer Haus im April folgen sollen.
(…) Geht es im Original um ein heidnisches Mädchen-Opfer, um die Natur gnädig zu stimmen und den Frühling herbeizuführen, dreht der Schotte das Thema vor dem Hintergrund aktueller Umweltdebatten um. Und so läßt er die vom Menschen geschundene Natur zurückschlagen. Am Ende hat sie die Menschheit vernichtet, zurück bleibt eine einzige Auserwählte, ein einzelnes Mädchen.
Auch musikalisch sucht Sutherland einen neuen Zugang. Die minimalistischen, strengen und apokalyptisch klingenden Streichermotive von Michael Gordons Stück „Weather One“ eröffnen den Abend. (…) Akrobatisch, schnell, präzise und hochkonzentriert setzt die 13-köpfige Compagnie Sutherlands Tanzvokabular um. (…) Stellvertretend für die ausdrucksstarken und intensiven Tanzduette seien die Beiträge von (…) Davide Degano und Camilla Marcati genannt; letztere brilliert daneben solistisch mit enormer Körperspannung als Auserwählte.(…)
Eine Zäsur bringt die in sich ruhende, flächige Komposition des Esten Arvo Pärt. Sein „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“, eine Art Meditation über den Tod, steigert sich unablässig und zieht den Hörer unweigerlich in einen Sog.
(…) Als Kunstgriff lässt der Choreograf seine Tänzer dazu in einem flachen Becken aus Wasser agieren. Heraus kommt neben den sich spiegelnden Wellenmustern an der Decke das Spiel mit Tropfen, Fontänen, Kaskaden. Nicht minder effektvoll ist der Umgang mit einem zweiten der vier Elemente, der Erde. Sutherland führt es sinnfällig zum ersten Teil „Anbetung der Erde“ von Strawinskys Ballettmusik ein, die den dritten und letzten Teil des Abends einnimmt. Assoziationen zum Topos Mutter Erde werden greifbar, wenn sich die Tänzer in ihr suhlen, mit ihr umherwerfen, sich mit ihr einreiben.
Eröffnet die Choreografie insgesamt auch weite Interpretationsspielräume, so gibt Sutherland mit starken Bildern immer wieder Hinweise. Etwa wo seine Tänzer in Plastiksakkos geräuschvoll miteinander ringen. Der Kampf des Menschen mit sich selbst, sein Leiden, seine Verzweiflung, aber auch das Thema Plastikmüll werden vorgeführt. An anderer Stelle erinnert eine starke Ensembleszene mit Klappstühlen an das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“. Es geht um Verdrängung, Egoismen und das Verhältnis von Individuum und Gruppe.
Düster, dynamisch und furios verdichtet sich die Handlung zum Ende. Bis alle der erdverschmierten Akteure am Boden liegen und Sutherland die abgekämpfte Überlebende der Apokalypse im Scheinwerferlicht heftig atmen lässt. Wie zu Beginn des Abends klingen Naturgeräusche dazu aus den Lautsprechern. War da etwas? Hat die Erde den Parasiten Mensch endlich abgeschüttelt? Alles auf Null?
Den Soundtrack zu diesem Menschheitsthriller setzt das Pfalztheater-Orchester unter Generalmusikdirektor Uwe Sandner ebenso konzentriert in Szene wie die Akteure auf der Bühne ihre Geschichten erzählen. Die kongeniale Leistung erntete am Ende verdient einen fast viertelstündigen Applaus im ausverkauften Haus. (…)